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Grönlands Eisschild schmilzt so schnell wie nie

image-31712-panoV9-ppsvEin kal­ter Riese schrumpft. Neue Berech­nun­gen legen nahe, dass Grön­lands Eis­schild immer schnel­ler ver­schwin­det. Das haben For­scher gleich mit zwei ver­schie­de­nen Metho­den her­aus­ge­fun­den. Ergeb­nis: Der Anstieg des Mee­res­spie­gels beschleu­nigt sich.

Die Dimen­sio­nen des fros­ti­gen Rie­sen ent­zie­hen sich dem mensch­li­chen Ver­stand. Grön­lands Eis­pan­zer bedeckt eine Flä­che von etwa 1,7 Mil­lio­nen Qua­drat­ki­lo­me­ter. Am Aus­sichts­punkt über dem Sermeq-Kujalleq-Gletscher bei Ilu­lis­sat blickt man zäh­ne­klap­pernd auf Eis, so weit das Auge reicht. Die Vor­stel­lung, dass der im Inne­ren der Insel bis zu drei Kilo­me­ter dicke Eis­pan­zer schmilzt, fällt schwer.

Doch die große Zahl rie­si­ger Eis­berge und das Tal, in dem sie sich lang­sam ent­lang­schie­ben, erin­nern daran, dass hier und an fast allen ande­ren Orten Grön­lands eine mas­sive Umwäl­zung vor sich geht. Der Glet­scher hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren um 15 Kilo­me­ter zurück­ge­zo­gen. Schein­bar unauf­halt­sam schmilzt das Eis der Insel. Die Schät­zun­gen, wie schnell das pas­siert, gehen weit aus­ein­an­der. Doch das Ver­schwin­den des Inland­ei­ses lässt welt­weit den Mee­res­spie­gel stei­gen — mit poten­ti­ell dra­ma­ti­schen Fol­gen für Mil­lio­nen von Menschen.

Ins­ge­samt wür­den die Pegel etwa sie­ben Meter höher lie­gen als sie heute sind, wenn die rie­sige Insel eis­frei wäre. Die­ser Pro­zess wird nicht über Nacht ablau­fen, es wird Jahr­hun­derte dau­ern. Doch neue Ergeb­nisse nie­der­län­di­scher For­scher legen nahe, dass die Wis­sen­schaft die eher kon­ser­va­ti­ven Sze­na­rien zur gro­ßen Schmelze zu den Akten legen sollte. Denn in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, so dass Ergeb­nis der Stu­die, hat sich die Eis­schmelze in Grön­land stark beschleunigt.

Genau­ge­nom­men sind es zwei par­al­lel ablau­fende Vor­gänge, die dem wei­ßen Schild zu schaf­fen machen. Zum einen schmilzt das Eis durch die stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren ver­stärkt ab, zum ande­ren nagen warme Mee­res­strö­mun­gen an den Glet­scher­zun­gen, die in den Ozean hin­ein­ra­gen. Ein For­scher­team um Michiel van den Bro­eke von der Uni­ver­si­tät Utrecht berich­tet in der aktu­el­len Aus­gabe des Fach­ma­ga­zins “Sci­ence”, dass beide Pro­zesse der­zeit etwa gleich viel zum Ver­schwin­den der Eis­mas­sen beitragen.

“Das obere Ende der bis­he­ri­gen Schätzungen”

In den Jah­ren von 2000 bis 2008 hat Grön­land den Erkennt­nis­sen der Wis­sen­schaft­ler zufolge 1500 Giga­ton­nen Eis ver­lo­ren. “Das ist das obere Ende der bis­he­ri­gen Masseverlust-Schätzungen, die mit zahl­rei­chen ande­ren Ver­fah­ren erstellt wur­den”, sagt van den Bro­eke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Für den Zeit­raum von 2006 bis 2008 betrage der Mas­se­ver­lust 273 Giga­ton­nen pro Jahr.

Die Wis­sen­schaft­ler sind sich ihrer Ergeb­nisse sicher, weil sie die Schmelze mit zwei grund­sätz­lich ver­schie­de­nen Ver­fah­ren ermit­telt haben — und beide zum sel­ben Ergeb­nis füh­ren. Einer­seits haben sie Eis­be­we­gun­gen gemes­sen und diese mit einem regio­na­len Com­pu­ter­mo­dell gekop­pelt. Als zweite Daten­quelle nutz­ten sie die “Grace”-Beobachtungssatelliten, die das Gra­vi­ta­ti­ons­feld der Erde vermessen.

Im Zeit­raum von 2000 bis 2008 haben die ver­schwin­den­den Glet­scher dem­nach für ein durch­schnitt­li­ches Plus beim Mee­res­spie­gel von knapp einem hal­ben Mil­li­me­ter pro Jahr gesorgt. Doch sieht man sich die drei letz­ten Jahre des Betrach­tungs­zeit­raums geson­dert an, dann lag der Wert bei 0,75 Mil­li­me­ter pro Jahr. Das könnte dar­auf hin­deu­ten, dass der Eis­schild immer schnel­ler schmilzt, so die Forscher.

Pas­send zur glo­ba­len Erderwärmung

Denk­bar ist auch, dass der Beob­ach­tungs­zeit­raum nur Teil einer Schmelz-Episode ist, die irgend­wann ein Ende haben könnte. Doch daran mag van den Bro­eke nicht glau­ben: “Seit dem Jahr 2000 hat der grön­län­di­sche Eis­schild kon­ti­nu­ier­lich und mit einer zuneh­men­den Geschwin­dig­keit an Eis ver­lo­ren. Das passt in unsere Vor­stel­lung einer sich erwär­men­den Welt.”

Die wis­sen­schaft­li­che Gemein­schaft nähert sich einem Kon­sens dar­über, wie groß der Mas­se­ver­lust des grön­län­di­schen Eis­schil­des tat­säch­lich ist”, sagt Däne­marks Chef­gla­zio­loge Andreas Peter Ahl­strøm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er lobt die aktu­elle Stu­die — und die Wis­sen­schaft­ler, die sie erstellt haben: “Es ist eine starke Gruppe von Auto­ren, was den Ergeb­nis­sen zusätz­li­che Glaub­wür­dig­keit ver­leiht.” Die aktu­el­len Ergeb­nisse wer­den nach Ansicht von Ahl­strøm auch dabei mit­hel­fen, dass im nächs­ten Bericht des Uno-Weltklimarates IPCC der Fak­tor Grön­land deut­lich prä­zi­ser als bis­her beschrie­ben wer­den kann. Im Papier von 2007 hatte der IPCC noch keine genauen Pro­gno­sen zum Schick­sal der rie­si­gen Eis­mas­sen gewagt — weil sich die betei­lig­ten Wis­sen­schaft­ler nicht einig waren.

Doch seit­her hat sich vie­les getan. Bri­ti­sche For­scher hat­ten zum Bei­spiel im Sep­tem­ber die­ses Jah­res mit Hilfe von Laser-Höhendaten des Nasa-Satelliten “Ice­Sat” zei­gen kön­nen, wo der Eis­pan­zer sich am stärks­ten zurück­zieht. Die Wis­sen­schaft­ler um David Vaug­han vom Bri­tish Ant­arc­tic Sur­vey hat­ten ins­ge­samt sie­ben Mil­lio­nen Daten­sätze aus der Zeit von Februar 2003 bis Novem­ber 2007 zu einer Dar­stel­lung von bis­her unge­kann­ter Auf­lö­sung zusam­men­ge­fügt. Fast alle eis­be­deck­ten Küs­ten­re­gio­nen Grön­lands, vor allem der Süd­os­ten und der Nord­wes­ten, sind dem­nach vom Eis­schwund betrof­fen. Die Wis­sen­schaft­ler hat­ten von beson­ders dra­ma­ti­schen Effek­ten an schnell flie­ßen­den Aus­lass­glet­schern berich­tet. Von den Glet­scher­zun­gen setze sich der Effekt zum Teil auch weit ins Lan­des­in­nere fort.

“Sie müs­sen uns ein biss­chen Zeit geben”

Ein For­scher­team auf dem Greenpeace-Schiff “Arc­tic Sun­rise”, zu dem unter ande­rem Gor­don Hamil­ton von der Uni­ver­sity of Maine und Fiamma Stra­neo von der Woods Hole Ocea­no­gra­pic Insti­tu­tion gehör­ten, hatte im Som­mer berich­tet, dass unge­wöhn­lich war­mes Was­ser in den grön­län­di­schen Fjor­den am schnel­len Rück­zug der Aus­lass­glet­scher schuld sei..

Nach Ansicht von van den Bro­eke und sei­nen Kol­le­gen wird das Ver­schwin­den des Eises nicht nur an Geschwin­dig­keit zule­gen. Der Pro­zess ver­än­dere auch mit der Zeit sei­nen Cha­rak­ter. Den For­schern zufolge wird der schnelle Rück­zug der Aus­lass­glet­scher in Zukunft unwich­ti­ger im Ver­gleich zum direk­ten Schmel­zen. Ab einem gewis­sen Punkt wür­den sich die Glet­scher­zun­gen so weit zurück­ge­zo­gen haben, dass warme Mee­res­strö­mun­gen sie schlicht nicht mehr erreich­ten und ihnen zuset­zen könn­ten, sagen sie.

Wann das soweit sein wird, ist noch nicht klar — ebenso wenig wie die For­scher sagen kön­nen, wel­ches Plus beim Mee­res­spie­gel in Zukunft genau zu erwar­ten sein wird. “Wir wer­den unser Modell benut­zen, um die Zukunft des grön­län­di­schen Mas­se­ver­lus­tes zu berech­nen. Aber Sie müs­sen uns ein biss­chen Zeit geben, diese Ergeb­nisse fer­tig­zu­stel­len”, sagt van den Bro­eke. Die Euro­päi­sche Union hat dazu im ver­gan­ge­nen Jahr das groß­an­ge­legte For­schungs­pro­jekt “Ice2Sea” gestartet.

Die neuen Ergeb­nisse hal­ten die For­scher auch für ein wich­ti­ges Zei­chen für den Kli­ma­gip­fel im Dezem­ber. Viele Beob­ach­ter erwar­ten nicht, dass das Tref­fen ein beson­ders ambi­tio­nier­tes Kli­ma­ab­kom­men bringt — zum Miss­fal­len von van den Bro­eke: “Alle Zei­chen deu­ten auf einen anhal­ten­den Eis­ver­lust hin, bei Geschwin­dig­kei­ten, die uns noch vor zehn Jah­ren unmög­lich erschie­nen. Ich würde sagen, dass ist auf jeden Fall etwas, womit sich die Poli­ti­ker aus­ein­an­der­set­zen müssen.”

Gele­sen bei: Spie­gel Online

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