Wenn das Klima kippt
Der Klimawandel wird nicht unbedingt langsam und stetig verlaufen und erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts spürbar sein. Wissenschaftler warnen, dass einige Veränderungen die Erderwärmung stark beschleunigen könnten. Wenn einige der sogenannten Tippingpoints erreicht werden, könnte es bereits in wenigen Jahrzehnten weitreichende Folgen geben.
Wir stellen 15 mögliche Tippingpoints vor.
1. Schmelzen des Eises in der Arktis. Die Folge: Ein großer Teil der Erde ist mit dunkler Wasseroberfläche statt hellem Eis bedeckt. Dunkle Flächen aber nehmen mehr Wärme auf. Das beschleunigt die Erderwärmung. In den vergangenen 30 Jahren hat die Eisbedeckung bereits deutlich abgenommen. Das ist auch eine schlechte Nachricht für Tierarten wie Seehunde oder Eisbären, die zur Jagd oder Aufzucht der Jungen auf Meereis angewiesen sind.
2. Abtauen des Grönland-Eises. Die enormen Eismassen Grönlands sind schon jetzt mit Rissen durchzogen, in die Tauwasser eindringt. Dies könnte die Eismasse zum Einsturz bringen. Passiert das, könnte der Meeresspiegel um sieben Meter steigen.
3. Auftauen des Dauerfrostbodens in Sibirien und Kanada. Das würde das Gas Methan freisetzen, das noch klimaschädlicher ist als Kohlendioxid (CO2).
4. Absterben der nordischen Nadelwälder. Sie machen ein Drittel der globalen Waldfläche aus. Der Klimawandel bedeutet für sie Stress, sie leiden unter Schädlingen und Wassermangel. Ein Absterben der Wälder würde den Lebensraum vieler Tiere und P{fllig}anzen vernichten und Kohlendioxid freisetzen — was zur beschleunigten Erderwärmung beitragen dürfte.
5. Ende des Golfstroms. Das warme Oberflächenwasser des Atlantiks ist für das milde Klima in Nordwesteuropa verantwortlich. Wenn durch die Eisschmelze vermehrt Süßwasser in den Nordatlantik dringt, könnte es damit vorbei sein.
6. Ozonloch über Nordeuropa. Durch die Erderwärmung kühlt sich eine der Luftschichten über der Erde, die Stratosphäre, ab. Dort bilden sich Eiswolken, und das lässt ein Ozonloch entstehen.
7. Schneeschmelze auf dem Tibet-Plateau. Ähnlich wie beim arktischen Meer würden hier unter dem hellen Schnee dunklere Gesteinsschichten frei, die mehr Wärme aufnehmen. Das würde Gletscher zum Schmelzen bringen und die Frischwasserversorgung in Indien und China erschweren. Denn große Flüsse wie der Jangtse in China oder der Brahmaputra in Indien speisen sich aus Himalajagletschern.
8. Schwankungen im indischen Monsun. 90 Prozent des Regens in Indien sind dem Monsunwind im Sommer zu verdanken. Es droht ein häufiger Wechsel zwischen Dürren und Flutkatastrophen.
9. Wiederergrünen der Sahara. Durch den Klimawandel gibt es mehr Niederschläge in der Sahara und der Sahelzone. Das ist aber nicht nur gut. Denn eine grüner werdende Wüste würde verhindern, dass Staubstürme den tropischen Atlantik und Amazonasregenwald mit Nährstoffen versorgen.
10. Verlagerung des Monsuns in Afrika. Der Klimawandel könnte die Anzahl der Dürrejahre in Afrika bis Ende des Jahrhunderts verdoppeln oder zu einem völligen Zusammenbruch des Monsuns führen — beides mit womöglich schlimmen Folgen.
11. Amazonas-Waldsterben. Abholzung und weniger Regen könnten zu einem Waldsterben im Amazonas führen. Das könnte einen gewaltigen Verlust an Artenvielfalt bedeuten.
12. El Niño im Südpazifik. Diese Meeresströmungen könnten sich plötzlich verändern, und das könnte zu Dürren in Südostasien führen.
13. Störung der marinen Kohlenstoffpumpe. Planktonalgen und Korallen in den Weltmeeren binden sehr viel Kohlenstoff. Versauern die Meere und verändern sich die Tiefenströmungen, könnten die Tiere daran gehindert werden — dieses CO2 würde austreten und die Atmosphäre zusätzlich belasten.
14. Bedrohte Nährstoffversorgung des Südatlantiks. Der Süßwasserzufluss aus der schmelzenden Antarktis könnte die Bestände an Krill und Phytoplankton verringern. Die aber stehen am Anfang der Nahrungskette von Meerestieren.
15. Kollaps des antarktischen Eisschildes. Obwohl die Eismassen in der Antarktis nicht als so verletzlich wie die grönländischen eingeschätzt werden, könnten sie noch in diesem Jahrhundert kollabieren. Warmes Meerwasser, so die Befürchtung von Experten, kann die Eisberge an der Küste so weit schmelzen lassen, dass die dahinter liegenden Kontinentaleismassen ins Fließen geraten. Zwischen Fels und Eisschild geratenes Meerwasser beschleunigt dann den Zerfall des Eises zusätzlich. Durch einen völligen Kollaps des Eisschildes würde der globale Meeresspiegel um vier bis fünf Meter steigen.
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