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Wo vegetarische Küche Geschichte schreibt

Legende: Das Haus Hiltl zählt 1500 Gäste pro Tag.

Das Haus Hiltl in Zürich ist das älteste vege­ta­ri­sche Restau­rant Euro­pas und in vier­ter Gene­ra­tion im Besitz der glei­chen Fami­lie. Nach der Eröff­nung vor 111 Jah­ren war das Lokal Spott und Hohn aus­ge­setzt. Heute gilt es als gas­tro­no­mi­sches High­light in der Limmat-Stadt.

Man schrieb das Jahr 1898, als ein vege­ta­ri­sches Lokal in der Sihl­strasse von Zürich – unweit der bekann­ten Bahn­hof­strasse – eröff­nete. Das “Vege­ta­rier­heim” lief anfäng­lich nicht gut. Zürich war noch keine Ban­ken­stadt, die Leute waren recht arm.

Die vege­ta­ri­sche Küche stand damals in Europa in ihren Anfän­gen. In der berei­ten Bevöl­ke­rung stiess sie nicht auf Ver­ständ­nis. Galt es doch als Luxus, sich wenigs­tens am Sonn­tag ein Stück Fleisch zu gön­nen. Die Vege­ta­rier waren als “Gras­fres­ser” ver­schrien. Das Lokal wurde “Wur­zel­bun­ker” genannt.

Mit Ein­nah­men von rund 30 Fran­ken pro Tag kam das Lokal kaum über die Run­den. Und die Geschichte hätte auch damals enden kön­nen, wäre unter den Kun­den nicht ein gewis­ser Ambro­sius Hiltl gewe­sen. Der 20-jährige, aus Bay­ern ein­ge­wan­derte Schnei­der war an Gicht erkrankt und konnte kaum einen Fin­ger bewe­gen. Seine Berufs­tä­tig­keit war kompromittiert.

Ein Arzt pro­phe­zeite ihm einen frü­hen Tod, wenn er nicht auf den Ver­zehr von Fleisch ver­zich­ten würde. Ambro­sius Hiltl machte eine ent­spre­chende Kur und wurde Stamm­gast im vege­ta­ri­schen Lokal. Und als der Geschäfts­füh­rer 1904 auf­gab, über­nahm Hiltl sei­nen Job. Im Jahr dar­auf hei­ra­tete er die Köchin und 1907 kaufte er das Restaurant.

Krea­ti­vi­tät mit weni­gen Zutaten

Das Restau­rant Hiltl war gebo­ren. Heute kann Uren­kel Rolf Hiltl die Geschichte des Lokals erzäh­len, das stets ein Fami­li­en­be­trieb blieb. Wir tref­fen ihn im ele­gan­ten Spei­se­saal des Gastro­be­triebs. Seine blauen Augen und blon­den Locken sind untrüg­li­che Zei­chen, dass in sei­nen Adern bay­ri­sches Blut fliesst.

Mein Urgross­va­ter ist in weni­gen Mona­ten von der Gicht geheilt wor­den und wurde 93 Jahre alt”, erin­nert er sich. Der heute 40-jährige Rolf Hiltl über­nahm den Betrieb im Jahr 1998 in der vier­ten Gene­ra­tion sei­ner Fami­lie, genau 100 Jahre nach der Grün­dung als ers­tes vege­ta­ri­sches Restau­rant Europas.

Der Betrieb musste in die­sen 100 Jah­ren auch schwie­rige Zei­ten meis­tern. Im 20. Jahr­hun­dert gab es Kri­sen und Kriege. Ratio­na­li­sie­run­gen waren die Folge. “Es war für uns aber viel­leicht nicht ganz so schwie­rig wie für andere: Denn in Not­zei­ten fehlt es häu­fig an Fleisch, das wir ja nicht brauch­ten”, rela­ti­viert der heu­tige Patron.

Die weni­gen vege­ta­ri­schen Zuta­ten, die bis vor eini­gen Jahr­zehn­ten zur Ver­fü­gung stan­den, haben die Fami­lie Hiltl ani­miert, stets inno­va­tiv und krea­tiv zu sein. Es gab prak­tisch nur Eier, Mehl, Kar­tof­feln, Getreide und etwas Gemüse.

Dank die­ser Krea­ti­vi­tät konnte sich das Restau­rant einen Namen machen und auch die schwie­ri­gen Nach­kriegs­jahre meis­tern, als Fleisch in der Ernäh­rung der Schwei­zer prak­tisch all­ge­gen­wär­tig wurde.

Die Vor­teile der Globalisierung

Lange führte die vege­ta­ri­scher Küche ein Schat­ten­da­sein. Erst in den 1970er– Jah­ren erfuhr sie eine erste Blüte, da sich gerade unter jun­gen Men­schen eine neue Sen­si­bi­li­tät für Natur– und Tier­schutz breit machte. Zudem ent­stand ein Inter­esse für ferne Kul­tu­ren wie Indien, dem Ursprungs­land der vege­ta­ri­schen Küche.

Die Glo­ba­li­sie­rung hat der vege­ta­ri­schen Küche sicher gut getan. Wir haben Kul­tu­ren ent­de­cken kön­nen, deren vege­ta­ri­sche Gerichte viel reich­hal­ti­ger waren als unsere. Den­ken wir bei­spiels­weise an Indien, China oder Malay­sia, aber auch an die Küche im Mit­tel­meer­raum”, meint Rolf Hiltl. Jedes Jahr ist er viel unter­wegs, um rund um die Erde neue Rezepte zu fin­den. In sei­nem Betrieb arbei­ten Per­so­nen aus 40 unter­schied­li­chen Ländern.

Von einem “Heim für Vege­ta­rier und Absti­nente” hat sich das Restau­rant Hiltl zu einem Gourmet-Tempel ent­wi­ckelt. Das Lokal zieht nicht nur Vollblut-Vegetarier an, son­dern auch Teilzeit-Vegetarier, zu denen im übri­gen auch der Chef sel­ber zählt. Denn ab und zu gönnt sich Rolf Hiltl ein Stück Fleisch.

Die ers­ten Vege­ta­rier waren zum gros­sen Teil Träu­mer, die das Para­dies auf Erden schaf­fen woll­ten. Heute ste­hen Gesund­heits­be­wusst­sein und das ökolo­gi­sche Gewis­sen an ers­ter Stelle. Als vor eini­gen Jah­ren die Zei­tun­gen stets vom Rin­der­wahn berich­te­ten, stan­den die Gäste vor unse­rem Lokal Schlange”, erin­nert sich Rolf Hiltl.

Neue Pro­jekte

Ambro­sius Hiltl wäre sicher­lich sehr über­rascht, wenn er heute sein Restau­rant an der Sihl­strasse sähe. Im Jahr 2006 wurde es voll­stän­dig reno­viert. Das Haus Hiltl wird mitt­ler­weile von 1500 Per­so­nen pro Tag besucht, neben dem Restau­rant gibt es auch eine Bar, eine Dis­ko­thek und Kochkurse.

Das Haus Hiltl ist ein Sym­bol von Zürich gewor­den und in jedem Stadt­füh­rer zu fin­den. Es darf Per­sön­lich­kei­ten wie Paul McCart­ney oder Marc Fos­ter zu sei­nen Gäs­ten zählen.

Der Erfolg ani­mierte Rolf Hilt, zusam­men mit den Brü­dern Frei eine Kette von vege­ta­ri­schen Schnell-Restaurants zu grün­den. Unter dem Namen “Tibits by Hiltl” wur­den seit 2000 bereits vier Lokale in der Schweiz und eines in Lon­don eröffnet.

Was mir bei mei­ner Arbeit beson­ders gefällt: Ich kann die Kun­den begeis­tern, ohne einem ein­zi­gen Tier weh zu tun”, mein Rolf Hiltl. “Seit 1898 haben wird rund 40 Mil­lio­nen Gerichte ser­viert. Man über­lege sich, wie viele Tiere hät­ten ster­ben müs­sen, wenn in jedem ein­zel­nen Gericht auch nur 100 Gramm Fleisch ent­hal­ten gewe­sen wären.”

Hiltl

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