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So sieht das Essen der Zukunft aus

Fleisch scha­det dem Klima und Wild­fisch stirbt aus — der Kon­sum tie­ri­scher Pro­dukte berei­tet immer grö­ße­res Unbe­ha­gen. Die Alter­na­tive sind pflanz­li­che Lebens­mit­tel. Doch Vege­ta­ri­ern haf­tet noch immer das Image des Körn­er­fres­sers an — völ­lig zu Unrecht.

Kräu­ter, Wald, Wur­zel­ge­müse, feine Aro­men durch­zie­hen den ele­gan­ten Raum. Nur leicht duf­tet es nach herz­haf­ten Pil­zen und erdi­gen Rüben, nach ita­lie­ni­schem Sugo oder nach indi­schen Lin­sen. Die Tel­ler, die aus der Küche kom­men, sind bunt und auf­wen­dig arran­giert. Arti­scho­cken lie­gen in einer zart­gel­ben Ing­wer­sauce, orange ist die Farbe des Kürbis-Risottos mit Ros­ma­rin. Das Ein­zige, was hier fehlt, sind Fleisch– oder Fisch­ge­richte. Bes­ser gesagt: Sie feh­len nicht, sie sind ein­fach nicht vor­ge­se­hen auf der Karte des Züri­cher Restau­rants „Hiltl”. Dass aber ein vege­ta­ri­sches Mahl so fein wie schick sein kann, beweist der Schwei­zer Gas­tro­nom Rolf Hiltl tag­täg­lich, mit­tags wird groß geluncht, abends geloun­ged. Sein „Haus Hiltl”, nahe der edlen Bahn­hof­straße und dem Zürich­see gele­gen, ist bei­des: Szene-Restaurant und alt­ein­ge­ses­se­nes Traditions-Lokal. Nur dass Tra­di­tion hier etwas anders aus­sieht, als gemein­hin in Restau­ra­tio­nen die „Zum Hir­schen” oder „Zum Adler” hei­ßen. Das „Hiltl” ist Euro­pas ers­tes und ältes­tes vege­ta­ri­sches Restaurant.

Lebens­mit­tel­py­ra­mide

Dass es zudem noch äußerst ange­sagt ist, macht es zum abso­lu­ten Trend­set­ter. Denn obwohl in allen mög­li­chen Berei­chen des Lebens grün zum inhalt­li­chen Leit­mo­tiv wird, steht das Essen noch etwas hin­ten an. Auch wenn es genauso zu den Din­gen zählt, die unum­gäng­lich zum All­tag gehö­ren, ihn aber auch beson­ders ver­schö­nern, kommt es mit ande­rem Guten, Nütz­li­chen und Schö­nen nicht recht mit in Sachen Nach­hal­tig­keit. So ist etwa Eco-Fashion keine Nische mehr, son­dern ein Kon­zept, das inter­na­tio­nale Desi­gner wie Stella McCart­ney oder Ali Hew­son mit ihrer Kol­lek­tion „Edun” gla­mour­fä­hig gemacht haben. Möbel und Archi­tek­tu­rideen ori­en­tie­ren sich ent­lang natür­li­cher Mate­ria­lien und res­sour­cen­scho­nen­der Ener­gie­stra­te­gien. Ein Auto ist nur noch ein coo­les Auto, wenn es unse­rem Klima schmei­chelt. Also ist auch Fleisch nur noch sexy, wenn es Klasse hat – sprich das Tier, das es lie­fert, war zu Leb­zei­ten mög­lichst ein glück­li­ches Vieh und kein gequäl­tes Mas­sen­er­zeug­nis. Umwelt­be­wusst­sein ist nicht mehr Jute, son­dern Edelz­wirn. Öko ist nicht mehr lang­wei­lig, son­dern sty­lisch, und gutes Essen ist nicht mehr blin­der Kon­sum, son­dern ver­ant­wort­li­ches Genie­ßen. Und das kann immer mehr mit immer weni­ger Tier­pro­duk­ten auskommen.

Die unwei­ger­li­che Kon­se­quenz dar­aus ist der genuss­volle Vege­ta­ris­mus. Vege­ta­ris­mus? V wie Ver­zicht? Tat­säch­lich hat sich der Vege­ta­rier hier­zu­lande so ganz noch immer nicht vom Image des fah­len Körn­er­fres­sers befreit, dabei ist er längst Avant­garde. Wenn auch noch leicht ver­kannt. „Vege­ta­risch oder sogar vegan hat ein­fach kei­nen guten Sound”, bringt Ster­ne­koch Jens Dan­nen­feld vom Restau­rant „L’escalier” in Köln ein hier­zu­lande häu­fi­ges Befin­den auf den Punkt. Des­halb spricht er auch nur von Gemü­se­kü­che oder Kräu­ter­kü­che, wenn es um fleisch­los geht. „Das klingt frisch und ele­gant, und genauso soll diese Art zu kochen auch sein.”

Genau für diese Küche steht das „Hiltl” schon seit vier Gene­ra­tio­nen. Der 44-jährige Patron ist Nach­fahre ech­ter Pio­niere auf dem Gebiet des genuss­vol­len Fleisch­ver­zichts. „Ich gehe davon aus, dass schon mein Urgroß­va­ter die­ses nega­tive »Kör­ner­pi­cke­ri­mage« neu inter­pre­tiert hat. Und das war vor 90 Jah­ren.” In der alter­na­ti­ven Reform­be­we­gung war Ende des 19. Jahr­hun­derts das „Vege­ta­rier­heim und Absti­nenz­café” ent­stan­den. Im Volks­mund hieß das Wur­zel­bun­ker, und die Gäste nannte man ver­ächt­lich Gras­fres­ser. „Die gin­gen ja zum Hin­ter­ein­gang rein, damit die Zür­cher sie nicht sehen. Das war wirk­lich schlimm”, sagt Hiltl. Sei­nem Urgroß­va­ter hatte die fru­gale Kost aber die Gicht geheilt, er über­nahm das Vege­ta­rier­heim und brachte auch gleich mehr Sinn­lich­keit ins Haus. Und die ist geblie­ben, nur viel­fach wei­ter gefasst als damals. Die Raumansicht im 112 Jahre alten Restau­rant mit viel Glas, Holz, Stahl und ele­gan­tem Sty­ling über drei Eta­gen ist genauso hun­dert Pro­zent Jetzt­zeit wie das glo­bal aus­ge­rich­tete Speiseangebot.

Kaum vege­ta­ri­sche Tradition

Wer genuss­voll und lust­voll auf ein rie­si­ges Aro­men­spek­trum sto­ßen möchte, schaut sich am bes­ten in ande­ren Län­der­kü­chen um. „In Deutsch­land, genau wie hier bei uns in der Schweiz haben wir ein­fach kaum vege­ta­ri­sche Tra­di­tion. In der ara­bi­schen und asia­ti­schen, aber auch in der medi­ter­ra­nen Ess­kul­tur fin­den wir da extrem mehr Viel­falt und Wis­sen”, sagt Rolf Hiltl und ent­wi­ckelte aus die­ser These sein gan­zes Gastro-Konzept. Er selbst hat eine klas­sisch fran­zö­si­sche Koch­aus­bil­dung nach Escof­fier genos­sen. Jetzt flie­ßen Hand­werk und inter­na­tio­nale Erfah­rung in den Küchen­stil ein. „Unser Team besteht aus 150 Per­so­nen aus 50 Natio­nen und das bewusst. Jeder soll etwas aus sei­ner Lan­des­kü­che ein­brin­gen.” Lau­tet eine der Zuta­ten in einem sol­chen authen­ti­schen Gericht Fleisch oder Fisch, wird es vege­ta­risch ange­passt. Und so kommt es, dass nichts auf der umfang­rei­chen Karte, von der man Züri-Geschnetzeltes mit Pil­zen und Sei­tan, Safran-Pasta mit grü­nem Spar­gel, Grü­nes Thai-Curry mit Quorn und Kori­an­der oder süd­in­di­sches Avial mit Kokos und Joghurt wählt, an tris­tes Ent­sa­gen erin­nert. Warum die Schwei­zer vege­ta­risch per se nicht als „irgend­wie komisch” ein­stu­fen, ist empi­risch nicht erforscht. Aber Rolf Hiltl bestä­tigt aus eige­ner Erfah­rung: „Das ist bei uns sehr modisch zur­zeit, sehr trendy, zu sagen »Ich bin vegi«, wie das bei uns Schwei­zern heißt.”

Hier ist der Köl­ner Jens Dan­nen­feld einer der weni­gen Spit­zen­kö­che, die in ihrem Restau­rant immer ein vege­ta­ri­sches Über­ra­schungs­menü auf der Karte haben. Beim mit­täg­li­chen Zwei-Gang-Menü ist eben­falls eine fleisch­lose Vari­ante dabei – bei­des ein Erfolgs­mo­dell. „Beson­ders die jün­ge­ren Gäste inter­es­sie­ren sich für diese Art von Küche. Sie befas­sen sich inten­siv mit dem, was sie essen und woher ein Lebens­mit­tel stammt.” Mit­tags bezif­fert Dan­nen­feld den Anteil an vege­ta­ri­schen Bestel­lun­gen auf 50 Pro­zent. Dann steht fisch– oder fleisch­los nicht für Fas­ten, son­dern für kuli­na­ri­sche Bereicherung.

Brad Pitt wirbt für fleischlos

Ein lei­ser Trend, der wohl auch in Deutsch­land lau­ter wird, dank des wach­sen­den Unbe­ha­gens gegen­über dem Nah­rungs­mit­tel Fleisch. Bis­her jedoch wird es in Men­gen geges­sen. Das Bun­des­ver­brau­cher­mi­nis­te­rium rech­nete für das Jahr 2008 den deut­schen Fleisch­ver­brauch von 7,27 Mil­li­ar­den Ton­nen auf einen Pro-Kopf-Konsum von 88,5 Kilo um: Rind, Schwein, Geflü­gel. Als Mas­sen­pro­dukt ist es zum Sym­bol für Kli­ma­be­las­tung, Umwelt­zer­stö­rung und Tier­quä­le­rei gewor­den, und min­des­tens zehn gute Gründe spre­chen dafür, deut­lich weni­ger oder gar keins mehr zu verzehren.

Doch obwohl Trend­set­ter und Stars wie Brad Pitt, Clint East­wood, Moby, Nata­lie Port­man oder Anne Hat­ha­way sich längst zum Vege­ta­ris­mus beken­nen und die im ver­gan­ge­nen Som­mer gestar­tete Kam­pa­gne „Meat free Mon­days” (fleisch­freie Mon­tage) unter­stüt­zen, die sich der sanf­ten Über­zeu­gungs­ar­beit wid­met, den Fleisch­kon­sum zu redu­zie­ren, umgibt die vege­ta­ri­sche Ernäh­rungs­form in Deutsch­land noch immer viel unbe­grün­dete Skep­sis. Zum einen, was den Genuss­fak­tor anbe­langt, zum ande­ren wird die aus­rei­chende Ver­sor­gung mit Nähr­stof­fen bezweifelt.

Jens Dan­nen­feld plä­diert bei ers­ter Sorge für einen Per­spek­tiv­wech­sel. „Inten­siv mit unter­schied­li­chem Gemüse und vie­len Kräu­tern zu arbei­ten bie­tet doch Rie­sen­mög­lich­kei­ten”, sagt der Küchen­chef, der alte Gemü­se­sor­ten wie Topin­am­bur, Peter­si­li­en­wur­zel, Rote Bete oder dicke Boh­nen mit Lei­den­schaft ver­ar­bei­tet. Genauso wie diese sind sei­ner Mei­nung nach rela­tiv unbe­kannte Getrei­de­sor­ten wie Hirse, Bul­gur oder Grün­kern für viele Hobby-Köche noch frem­des Ter­rain. Alles kann Teil einer geschmack­vol­len Küche sein. „Man muss aber auch den Mut haben, Unbe­kann­tes aus­zu­pro­bie­ren. Wich­tig dabei ist: herz­haft wür­zen, mit Pfef­fer, Salz, Zucker und Säure die Aro­men raus­kit­zeln, offen­siv fri­sche Kräu­ter ein­set­zen und keine Angst vor star­ken Aro­men wie etwa Meer­ret­tich haben. Ich lerne auch jedes Mal dazu, wenn ich ein neues Gemü­se­ge­richt koche.” V steht also nicht für Ver­zicht, son­dern für Vor­teil und zwar öffent­lich wie privat.

Dass nur gewinnt, wer seine Ernäh­rung mit Lang­zeit­wir­kung umstellt, davon ist auch Mar­kus Kel­ler über­zeugt. Kel­ler ist Lei­ter des neuen Insti­tuts für alter­na­tive und nach­hal­tige Ernäh­rung der Uni­ver­si­tät Gie­ßen, das als For­schungs– und Bera­tungs­ein­rich­tung der stei­gen­den Bedeu­tung einer zukunfts­fä­hi­gen Ernäh­rung Rech­nung trägt, indem es aka­de­mi­sche Erkennt­nisse mit prak­ti­scher Umset­zung ver­knüpft. Kel­ler spricht genauso wie Ster­ne­koch Dan­nen­feld von der Erwei­te­rung des Waren-Spektrums und den neuen krea­ti­ven Mög­lich­kei­ten, die sich zwangs­läu­fig erge­ben, wenn Gemüse, Getreide und Hül­sen­früchte im Mit­tel­punkt ste­hen und außer­ge­wöhn­li­che Öl-Sorten, Nüsse und Flei­schal­ter­na­ti­ven ins Spiel kom­men. Als Ökotro­pho­loge weiß Kel­ler aber auch, wie schwer die Gewohn­heit wie­gen kann. „Erfah­rungs­ge­mäß fällt es jun­gen Men­schen leich­ter, ihre Ernäh­rung umzustellen.”

Jung und weiblich

Dass sich die jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen und vor allem Frauen mit die­sem Ess­kon­zept eher iden­ti­fi­zie­ren, belegt das Ergeb­nis einer gro­ßen Online-Befragung der Uni­ver­si­tät Jena von 2007, an der sich 4100 Vege­ta­rier aus Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz – 70 Pro­zent Frauen – betei­lig­ten. 58 Pro­zent waren 30 oder jün­ger. Noch zehn Pro­zent aller­dings 50 und älter, der älteste Teil­neh­mer war 91 Jahre alt. „Das Inter­esse, über die Motive für den Fleisch­ver­zicht zu spre­chen, war enorm groß”, berich­tet die Psy­cho­lo­gin Kris­tin Mitte, die die Stu­die betreut.

Neben der beson­ders star­ken Moti­va­tion unter Vege­ta­ri­ern, aus mora­li­schen Grün­den und Ver­ant­wort­lich­keit auf Fleisch zu ver­zich­ten, ist auch ihre Per­sön­lich­keits­psy­cho­lo­gie im Ver­gleich zu der von Omni­voren, also Alle­ses­sern, inter­es­sant. Sie unter­schei­det sich näm­lich so gut wie über­haupt nicht. „Vege­ta­rier sind psy­cho­lo­gisch betrach­tet etwas auf­ge­schlos­se­ner für neue Lebens­kon­zepte. Und eine intakte Gesell­schaft und gesunde Umwelt sind für sie ein grö­ße­rer Wert”, erläu­tert Mitte. Damit hätte es sich aber auch schon. Vege­ta­rier sind ganz nor­male Men­schen. Den Unter­su­chun­gen zufolge sind sie genauso glück­lich wie Fleisch­es­ser und weder mehr noch weni­ger anfäl­lig für Ess­stö­run­gen. Auch sind sie nicht weni­ger impul­siv als Omni­vore. „Man könnte ja leicht mei­nen, Vege­ta­rier kon­trol­lier­ten ihre Impulse leich­ter, weil es den meis­ten nicht schwer­fällt, auf Fleisch zu ver­zich­ten”, sagt Psy­cho­lo­gin Mitte. „Dem ist aber nicht so.”

Quelle: ksta

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