Würden wir unsere Hunde grillen?

Bio­hof

Seit Mitte des 20. Jahr­hun­derts wird Vieh für den Genuss der indus­tria­li­sier­ten Welt fast aus­schließ­lich in Mas­sen­tier­hal­tung auf­ge­zo­gen, in Fleisch­fa­bri­ken. Was dort vor sich geht, ist oft beschrie­ben wor­den und wird stets ver­drängt. Tiere ste­hen in ihrem Kot, leben in ewi­ger Dun­kel­heit, Käl­ber wer­den der Mut­ter weg­ge­nom­men, die Milch und noch mehr Milch pro­du­zie­ren muss, Schnä­bel, Hör­ner, Schwänze, Hoden wer­den rou­ti­ne­mä­ßig ohne Betäu­bung ent­fernt. Fische sind von Geschwü­ren über­sät, wer­den von ihren Art­ge­nos­sen erstickt und kan­ni­ba­li­siert, Rin­der, Schweine, Vögel wer­den mit gebro­che­nen Glie­dern zur Schlacht­bank gezerrt, schwit­zen Todes­angst, sind oft nicht ein­mal tot, wenn sie auf­ge­schnit­ten, gerupft, in kochen­des Was­ser gewor­fen werden.

Das Prä­fix “Bio” ist zwar wün­schens­wert, bleibt aber auf die Masse gerech­net bis­her nur ein Detail. Um jede Ver­bes­se­rung in der Vieh­hal­tung muss gerun­gen wer­den, denn in der Mas­sen­pro­duk­tion von Fleisch und Fisch geht es um Pro­fit, und wenn wir es nicht machen, dann macht es ein ande­rer. Immer bil­li­ger. BSE und Gam­mel­fleisch waren schnell ver­ges­sen. Und so kommt es, dass einer­seits auf jeden von uns in der ent­wi­ckel­ten Welt inzwi­schen rund 80 Kilo Fleisch und Fisch pro Jahr ent­fal­len, dass ande­rer­seits hin­ter jedem Kilo Bil­lig­fleisch und Bil­lig­fisch ein meist unna­tür­lich kur­zes und schmerz­vol­les Tier­le­ben steht, das in Todes­angst endet.

Die Intel­li­genz der Tiere wird verdrängt

Das kann heute jeder wis­sen. Und tat­säch­lich wird immer öfter gefragt, ob das Tier vor sei­ner Schlach­tung auch ein eini­ger­ma­ßen gutes Leben hatte. Ein “art­ge­rech­tes”, “huma­nes” Leben. “Ohne unnö­tige Schmer­zen und Lei­den”, wie es im deut­schen Tier­schutz­ge­setz steht. Die Beto­nung liegt auf unnö­tig. Das impli­ziert aller­dings, dass Schmer­zen und Lei­den offen­bar nicht ganz zu ver­mei­den sind. Hier hören die meis­ten Men­schen mit dem Fra­gen auf. Denn die Ant­wor­ten auf die letz­ten Fra­gen: Wie es um die Tötung an sich steht? Ob sie über­haupt zu recht­fer­ti­gen ist? — diese Ant­wor­ten wür­den von uns Kon­se­quen­zen einfordern.

Tiere kön­nen füh­len und emp­fin­den, nicht nur die Pri­ma­ten, inzwi­schen machen For­scher kogni­tive Stu­dien an Gän­sen. Ihre Intel­li­genz? Man ver­drängt sie. Es sind doch nur Tiere. Sie sind nicht wie wir. Sie haben keine Ver­gan­gen­heit und keine Zukunft. Ohne uns und unsere Für­sorge gäbe es Nutz­tiere ja gar nicht. Unsere Erhe­bung über Lebe­we­sen, die Schmerz und Zunei­gung und Angst emp­fin­den wie wir, ist gera­dezu eine psy­cho­lo­gi­sche Meisterleistung.

Es gibt sie, die nicht weg­se­hen konn­ten. “Ausch­witz fängt da an, wo einer im Schlacht­hof steht und sagt, es sind ja nur Tiere”, meinte Theo­dor W. Adorno. Und Franz Kafka sagte, als er schließ­lich zum rei­nen Vege­ta­rier gewor­den war, beim Anblick von Fischen in einem Aqua­rium: “Nun kann ich euch in Frie­den betrach­ten, ich esse euch nicht mehr.” Es ist viel­leicht auch die­ses unter­drückte, aber stets latent lau­ernde Wis­sen, dass wir nur zum Töten pro­du­zie­ren, wel­ches so viele Dis­kus­sio­nen zwi­schen Fleisch­es­sern und Vege­ta­ri­ern aggres­siv wer­den lässt.

Irgendwo spü­ren wir, dass da etwas nicht ganz rich­tig ist in unse­rer Art, Tiere allein als Nah­rungs­quelle zu pro­du­zie­ren. Wir sind eben doch etwas mehr als Tiere, die andere um des eige­nen Über­le­bens wil­len fres­sen. Wir ken­nen Schuld, wenn wir sie spüren.

Was macht den Unter­schied zwi­schen Schwein und Hund?

Lang­sam fin­det ein Umden­ken statt. Eine Reihe pro­vo­kan­ter, scho­ckie­ren­der Bücher, Essays und Filme haben sich in der letz­ten Zeit mit die­sem Thema aus­ein­an­der­ge­setzt: “The End of the Line” über die Ver­nich­tung des Lebens in den Welt­mee­ren durch die Fische­rei. “The Face on your Plate” des Psy­cho­lo­gen und Vega­ners Jef­frey Mous­saieff Mas­son über die indus­tri­elle Mas­sen­tier­hal­tung und unsere ethi­sche Ver­ant­wor­tung dafür; immer noch lesens­wert Josef Reich­holfs “Der Tanz um das gol­dene Kalb”. “Unter­schiede in der Intel­li­genz zwi­schen mensch­li­chen und nicht-menschlichen Tie­ren haben über­haupt keine mora­li­sche Bedeu­tung”, argu­men­tiert der ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor und Vega­ner Gary Stei­ner. Man muss nur ein­mal den Begriff “Vieh” durch “Haus­tier” ersetzen.

Wür­den wir unsere Hunde gril­len? Das fragt der Schrift­stel­ler Jona­than Safran Foer in sei­nem Buch “Eating Ani­mals”, einer essay­is­ti­schen Pro­vo­ka­tion. Das wür­den wir nicht. Warum eigent­lich nicht? Schweine sind min­des­tens so klug wie Hunde. Was macht also den Unter­schied aus? Die Intel­li­genz sicher nicht. Unser unter­schied­li­ches Emp­fin­den gegen­über dem einen und dem ande­ren Tier? Das reicht nicht als Rechtfertigung.

Wer nun das Wohl­er­ge­hen von Tie­ren zwar bejaht, aber den­noch der Mei­nung ist, dass sie bio­ethisch gese­hen wei­ter dem mensch­li­chen Ver­zehr die­nen kön­nen, vor­aus­ge­setzt, ihnen wird mög­lichst wenig Leid zuge­fügt — der muss sich zumin­dest mit dem mensch­li­chen Elend befas­sen, das die stän­dig wach­sende Fleisch­pro­duk­tion aus­löst. Eine Mil­li­arde Men­schen auf der Erde hun­gert. Und in den nächs­ten Jah­ren wird, weil nichts geschieht, es wohl noch schlim­mer wer­den. Das liegt nicht allein am Fleisch­kon­sum, aber doch zu einem gro­ßen Teil.

Heute wer­den laut einer Stu­die der Welt­er­näh­rungs­or­ga­ni­sa­tion FAO rund 30 Pro­zent des eis­freien Lan­des auf der Erde direkt oder indi­rekt für die Vieh­zucht genutzt; ein Groß­teil der welt­wei­ten Getreide– und Sojaernte wird zu Vieh­fut­ter ver­ar­bei­tet; über 90 Pro­zent der Amazonas-Rodungen seit 1970 dien­ten der Neu­schaf­fung von Wei­de­land. Und in den nächs­ten 40 Jah­ren wird die Welt­be­völ­ke­rung um ein Drit­tel steigen.

Die Nach­frage nach land­wirt­schaft­li­chen Erzeug­nis­sen wird um 70 Pro­zent wach­sen und die nach Fleisch wird sich auf 465 Mil­lio­nen Ton­nen ver­dop­peln. Die Tiere, aus denen wir unser Fleisch gewin­nen, wer­den 2050 so viel pflanz­li­che Nah­rung zu sich neh­men wie vier Mil­li­ar­den Men­schen. Doch um diese Menge zu erzeu­gen, wird es nicht mehr genug Land oder Süß­was­ser auf der Welt geben. In eini­gen Regio­nen ist das heute schon so. Da ist Fleisch­kon­sum keine Pri­vat­sa­che mehr.

Schließ­lich wird die Ver­elen­dung gan­zer Völ­ker und Natio­nen auch durch die Zer­stö­rung der Umwelt aus­ge­löst, durch Umwelt­ver­schmut­zung, unsau­be­res oder man­geln­des Was­ser, Erd­er­wär­mung. Und auch hier spielt die Gier nach frisch­to­ten Tie­ren eine Rolle, denn eine erschre­ckende Zahl macht seit kur­zem die Runde: 51 Pro­zent! Bis­her nahm man an, dass Vieh­hal­tung für etwa 18 Pro­zent der Klima erwär­men­den Gase ver­ant­wort­lich sind, diese Zahl gaben die UN vor drei Jah­ren in ihrer weg­wei­sen­den Stu­die “Livestock’s Long Shadow” heraus.

Fleisch in-vitro — ohne Lebens­geist und ohne Methan

Jetzt hat das renom­mierte World Watch Insti­tut eine neue Zahl ver­öf­fent­licht: Für min­des­tens 51 Pro­zent ist der von Men­schen für den mensch­li­chen Kon­sum geschaf­fene Tier­be­stand ver­ant­wort­lich — wenn man neben dem von den UN unter­schätz­ten Methan auch Abhol­zung und Atmung ein­be­rech­net. Das ist nun über­haupt keine Pri­vat­sa­che mehr.

Wir rech­nen nach und wen­den ein, dass auf jeden, der heute zum Vege­ta­rier kon­ver­tiert, vier Men­schen in ärme­ren Tei­len der Welt kom­men, die, sobald sie genug Geld ver­die­nen, zum regel­mä­ßi­gen Fleisch­kon­su­men­ten wer­den. Aus Trotz lesen wir Zeit­schrif­ten wie Beef, wo wir ler­nen, wie man Kobe-Rinder noch schmack­haf­ter zube­rei­ten kann. Denn was bewirkt der Ver­zicht des Ein­zel­nen außer einem pri­va­ten guten Gewissen?

Wis­sen­schaft­ler for­schen nach Wegen, Fleisch in-vitro zu züch­ten. Ohne Lebens­geist und ohne Methan. Das wäre die rich­tige Lösung für Wis­sen­schafts­gläu­bige, am Ekelef­fekt müsste man wohl noch arbei­ten. Wir könn­ten auch Aboli­tio­nis­ten, Suf­fra­get­ten, Apartheid-Gegner fra­gen, wie sie began­nen, die Gesell­schaft zu verändern.

Wir könn­ten nach Indien schauen, wo Kühe bis heute hei­lig sind. Eine der gro­ßen anthro­po­lo­gi­schen Theo­rien erklärt das damit, dass das Land schon vor drei­tau­send Jah­ren mit Hun­gers­nö­ten kämp­fen musste. Nur Bau­ern, die ihre Kühe in sol­chen Zei­ten nicht schlach­te­ten, hat­ten spä­ter Milch und Pflugoch­sen. Nur sie über­leb­ten. Die Pries­ter kodi­fi­zier­ten diese Über­le­bens­stra­te­gie zum Tabu. Es hält bis heute.

Gelüste blei­ben. Aber ihre Akzep­tanz kann ver­än­dert werden.

Wir brau­chen neue Tabus.

Gele­sen bei: süddeutsche.de

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One Response to “Würden wir unsere Hunde grillen?”

  • Udo Schluhmeier sagt:

    Den Unter­schied macht unsere Ein­stel­lung zu den Tie­ren. Wir sind jedoch Alles­fres­ser und müs­sen uns ernä­he­ren. Fres­sen und gefres­sen wer­den ist das Grund­ge­setz der Natur.

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